Rorate Caeli – Ne Irascaris

für Chor a cappella

Uraufführung am 18. Dezember 2011
Gartenkirche St. Marien Hannover,  
Vox Aeterna

[audio:http://www.pwitte.de/wp-content/uploads/2011/11/Rorate-ne-irascaris-Hannover-2012.mp3|titles=Rorate – ne irascaris – Hannover 2012]

 
„Rorate Caeli desuper“ oder: Warum vertont ein zeitgenössischer Komponist einen etwa 2500 Jahre alten Text?
Wie ein Kind,  das mehr oder weniger mutwillig sein Spielzeug zerstört hat ruft die Menschheit nach dem „Herrn“,  bittet zunächst mal, er möge nicht noch weitere Strafen schicken,  da ja alles schon zerstört ist. „Ne irascaris Domine …Zürne nicht länger Herr …“ Dann die Einsicht,  dass man selbst die Schuld an der Misere trägt: „Peccavimus… wir haben gesündigt“ Dem folgt an dritter Stelle die Bitte nach Vergebung und erneuter Zuwendung: „Vide Domine …Sieh an die Betrübnis deines Volkes“ Den vierten Vers prägt endlich die Antwort des „Herrn“ mit dem Versprechen Trost zu schicken: „Consolamini …Ihr werdet getröstet“
Ich kann darin nicht den Ruf nach Wiederherstellung alter,  hierarchischer Kirchenstrukturen* erkennen,  im Gegenteil:  für mich ist das „Rorate“ eher ein Ruf nach sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Veränderung,  nach jemandem, der funktionierende Regeln für das menschliche Zusammenleben anzubieten hat. Habgier und Gewinnsucht führen zu Zank und Streit,  zu Kriegen,  in denen sich die Menschen gegenseitig zerstören. Ob das nun mit Waffengewalt oder mit den etwas subtileren Mitteln der Finanzmärkte passiert,  ist dabei nebensächlich. Zur Zeit des kalten Krieges wurde die Menschheit von Atomwaffen bedroht,  heute ist es eher die Allmacht der Hedgefonds und der Ratingagenturen,  der sogenannten „Märkte“,  auf denen mit Dingen gehandelt wird, die gar nicht real existent sind,  die vor Staatspleiten nicht haltmachen,  aus denen wieder neues Unrecht entsteht,  weil die „Kleinen“ für die Fehler der „Großen“ mal wieder gerade stehen müssen. Es gibt kaum einen Unterschied zu den früheren Kriegen,  als die Bauern mit ihren Söhnen die Kriege der Fürsten kämpfen mussten und in jedem Fall als Verlierer daraus hervorgingen.
„Rorate Caeli desuper … et germinet Salvatorem“. Möge endlich der Retter kommen und uns vor Unseresgleichen retten. Natürlich, auch Naturkatastrophen sind immer wieder Bedrohung für die Menschheit,  aber das japanische Erdbeben wäre ohne die daraus resultierende Atomkatastrophe von Fukushima schon schrecklich genug gewesen. Hätte es so manchen Erdrutsch vielleicht gar nicht gegeben,  wenn die Regenwälder nicht abgeholzt worden wären? Wäre die Klimakatastrophe mit einem weltweit konsequenten Einsatz von regenerativer Energie eventuell noch zu stoppen?
Tauet Himmel von oben,
Ihr Wolken regnet den Gerechten
Es öffne sich die Erde
Und sprosse den Heiland hervor
Egal,  ob von oben oder von unten,  Hauptsache er kommt;  der,  der die Menschheit rettet,  der alle Fehler wieder gutmacht,  der den richtigen Weg zeigt. Nur dass man heute davon ausgehen sollte,  dass es sich vermutlich nicht um „den einen Retter“ handeln wird. Von einzelnen Rettern ist die Menschheit in der Vergangenheit ja schon genug geplagt worden,  ob von großen Vorsitzenden,  Revolutionsführern oder sonstigen selbsternannten Rettern. Vielleicht sollte man eher nach Vordenkern rufen,  die Bewegungen von Menschen initiieren,  die das Alte in Frage stellen,  die sich gegen die alten Herrschaftsstrukturen auflehnen,  ob sie nun gewaltfreien Widerstand leisten,  die Wall Street besetzen,  oder die vertreiben, die sich früher mal als Retter ausgegeben haben.

*Gibt man in einer Internet-Suchmaschine den Begriff „Rorate Caeli“ ein,  kommt man als erstes auf einen Blog,  der der Piusbruderschaft nahe steht. Meine Komposition „Rorate Caeli“ hat absolut nichts mit traditionalistischen Bewegungen zu tun,  die am rechten Rand der katholischen Kirche stehen.

 

Kehrvers:   Rorate caeli desuper,
et nubes pluant justum.

Ne irascaris Domine,
ne ultra memineris iniquitatis:
ecce civitas Sancti facta est deserta:
Sion deserta facta est:
Jerusalem desolata est:
domus sanctificationis tuæ et gloriæ tuæ,
ubi laudaverunt te patres nostri.

– Kv

Peccavimus,   et facti sumus tamquam immundus nos,
et cecidimus quasi folium universi:
et iniquitates nostræ quasi ventus
abstulerunt nos:
abscondisti faciem tuam a nobis,
et allisisti nos in manu iniquitatis nostræ.

– Kv

Vide Domine afflictionem populi tui,
et mitte quem missurus es:
emitte Agnum dominatorem terræ,
de Petra deserti ad montem filiæ Sion:
ut auferat ipse jugum captivitatis nostræ.

– Kv

Consolamini,   consolamini,  popule meus:
cito veniet salus tua:
quare mærore consumeris,
quia innovavit te dolor?
Salvabo te,   noli timere,
ego enim sum Dominus Deus tuus,
Sanctus Israël,   Redemptor tuus.

– Kv

 

Kv:  Tauet Himmel,   von oben,
ihr Wolken,   regnet den Gerechten.
Zürne nicht länger,   Herr,
nicht länger gedenke unserer Missetaten.
Siehe,   die Heilige Stadt ist zur Wüste geworden,
Sion ist zur Wüste geworden.
Jerusalem ist verödet,
das Haus Deiner Heiligung und Deiner Herrlichkeit,
wo Dich gepriesen haben unsere Väter.

– Kv

Wir haben gesündigt und sind unrein geworden
und sind gefallen wie ein Blatt,
und unsere Missetaten haben uns wie der
Wind fortgetragen.
Du hast Dein Antlitz verborgen vor uns
und uns zerschmettert durch die Wucht unserer Schuld.

– Kv

Sieh an,   Herr,   die Betrübnis Deines Volkes,
und sende,   den Du senden willst.
Sende aus das Lamm,  den Beherrscher der Erde,
vom Felsen der Wüste zum Berg der Tochter Zion,
dass es hinwegnehme das Joch unserer Knechtschaft.

– Kv

Ihr werdet getröstet,   ihr werdet getröstet,   mein Volk!
Bald wird kommen Dein Heil.
Warum verzehrst Du Dich in Trauer,
weil sich erneuert hat dein Schmerz?
Ich werde Dich retten,   fürchte Dich nicht.
Denn ich bin der Herr,   Dein Gott,
der Heilige Israels,  Dein Erlöser.

– Kv